Hinten ist's auch schön...
Unsere Teilnahme an der F18 WM 2010 (von Tim)
Weitere Fotos gibt es im Fotoalbum.
Anfahrt
1600 km als Auftakt für den Urlaub, das klingt nicht gerade entspannt. Um es ruhig anzugehen, fahren Steffi, Friederike und ich mit Martins Auto und unseren beiden Booten auf seinem Trailer in drei Etappen nach Erquy in die Bretagne. Martin kommt Mittwoch nach Rennes geflogen, wo wir ihn aufgabeln.
Die Fahrt ist ziemlich abwechslungsreich. Die erste Etappe wird zur Geduldsprobe. Es ist Freitag und Urlaubsbeginn. Auf den Straßen ist die Hölle los und so hängen wir ewig in Staus herum, gabeln in Hamburg Axels Gepäck auf und quälen uns durch den Baustellenparcours der A1 gen Süden. Gegen Mitternacht erreichen wir Neuss und legen bei Steffis Eltern die erste Rast ein.
Der zweite Tag bringt uns durch Belgien und wir staunen über die Tiefe der Bodenwellen und Schlaglöcher. Frankreichs Mautstraßen sind dagegen Entspannung pur (bis auf die engen Mautstellen). Wenig Verkehr, tolle Fahrbahn, da läßt es sich gut mit 110 km/h dahin tingeln. Der Verbrauch unserer Fuhre liegt damit bei 12,5 l. In den endlosen Agrargebiete gibt es nicht viel interessantes zu sehen und der TGV, der an uns vorbei ballert wird zum Highlight.
In der Normandie wird die Landschaft lieblich und unsere Hotelsuche zum Problem. Alles ist ausgebucht, selbst das Nobelhotel "La Villa de Houx" in Armal. Ratlos stehen wir mit unserer Fuhre davor und wollen gerade Martin um Buchungshilfe bitten, da kommt der Portier und bietet uns die Suite an. Sie ist reserviert, wird aber heute nicht genutzt und für 120 EUR dürfen wir sie beziehen. Wir liegen gerade auf dem Kingsize-Bett, da geht genau hinter der Panorama-Scheibe das Feuerwerk des Dorffestes los. Da sind uns der riesige Flatscreen und der Whirlpool egal, skuriler kann es eigentlich nicht sein.
Die letzten entspannten 480 km legen wir einen kleinen Umweg über Mont St Michel ein. Wie schon an den Mautstationen zahlen wir nur als Pkw, dürfen aber bei den Wohnmobilen parken. Die Insel wird touristisch hoffnungslos gemolken und platzt aus allen Nähten. Es ist Ebbe, vom Meer sieht man nur braune Brühe und Schlickfelder. Alles nicht so doll, also kommt uns das verschlafene Erquy um 18:00 wie das Paradies vor. Unter dem vereinbarten Stein finden wir den Schlüssel zur Ferienwohnung, doch es zieht uns runter ans Wasser. Es ist gerade Springzeit und Ebbe und vor uns erstreckt sich ein gut 100 m breiter Sandstrand.

Einleben
Die ersten Tage machen wir Familienurlaub und gewöhnen uns an die französischen Eigenheiten (vor 10:00 geht gar nichts). Wie die gesamten folgenden Tage scheint die Sonne vom blauen Himmel und es ist herrlich warm. Wir faulenzen am Strand und obwohl nur eine ganz leichte Seebrise weht, ist das Nacra-Team den ganzen Tag auf dem Wasser am angleichen. Nach und nach treffen auch die Hobie- und Capricorn-Teams ein. Überall wird geschraubt und gebastelt. Reihenweise werden nagelneue Wildcats und C2s aufgebaut. Das muss eine ganze Monatsproduktion an Booten sein.
Wir lassen uns vom Getümmel anstecken und wollen auch abladen und wenigstens den Hawk aufriggen. Zum Abladen brauchen wir Hilfe, doch keiner der Anwesenden ist in irgendeiner Weise ansprechbar. Jeder versteckt sich hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille und coolem Gesichtsausdruck. Ganz schön verbissen, das alles hier. Kann sein, dass die Spanier neben uns kein Englisch können, doch diese demonstrative Coolness schreckt uns ab und wir räumen das Feld.
Trotz schlappem Wind sind die Top-Teams jeden Tag auf dem Wasser, doch wir vertreiben uns die Tage mit einer Fahrradtour zum Cap Frehel und einem Ausflug nach St Malo. So vergeht die Zeit blitzschnell und Mittwoch Nachmittag gabeln wir Martin bei 30°C am Flughafen in Rennes auf. Dabei fällt uns auf, dass die Dieselpreise von 1,10 bis 1,50 EUR schwanken. Auf den Preis gucken lohnt sich also.
Die Flotte an nagelneuen Booten wächst täglich. Vor allem das Hobie-Team glänzt dabei durch gigantische Müllberge aus Blasenfolien und Kartons, die achtlos am Strand liegen bleiben. Neben den C2s und Wildcats wirkt der Infusion fast schon hausbacken. Der Shockwave fällt durch seine massigen Rümpfe auf, wenn man genau hinschaut entdeckt man noch den ein oder anderen Alado, Diam und Mattia. Tiger gehören schon zur bedrohten Spezie doch unser Hawk ist wirklich der Methusalem. Wir brauchen viel Selbstbewusstsein, um neben dem ganzen neumodischen Kram zu bestehen.
Als wir Donnerstag genau vor der Promenade aufriggen ist die Springzeit vorüber und bleibt auch bei Flut genügend Strand für die Boote. Wir bekommen auch weiterhin keinen Kontakt zu den uns umgebenden Teams. Die Franzosen von Hobie reagieren wie versteinert, als Friederike rüber krabbelt, man grüßt sich nicht, grinst sich nicht zu. Nur Willem, der Holländer, der neben uns aufbaut, begrüßt uns per Handschlag.
Mittags kommen Sven und Finn nach turbulenter Anreise (Knöllchen, kleiner Unfall,...) an und während sie aufriggen und die thermische Brise auffrischt, machen Steffi und ich uns auf zu einer ersten Runde. Am Wasser angekommen haben wir die Rumpfdeckel vergessen und Steffi lernt fluchend die Breite des Strandes kennen, während Heemskerk im Vorübergehen ungläubig den Kopf verdreht und seinem Schotten was von "ein echter Dart Hawk" zuruft.

Letzte Vorbereitungen
Schon bei den Vorbereitungen zeigt sich, dass man dieses Jahr von der Organisation nicht allzuviel erwarten darf. Vorweggreifend sei gesagt, dass jede kleine Regatta bei uns professioneller durchgeführt wird, als das was wir hier geboten bekommen. Von einer WM hätte ich etwas anderes erwartet, aber es geht schon mit dem Vermessen los: Die ausgehängten Listen in die man sich zur Wunsch-Uhrzeit eintragen kann sind schon am ersten Tag nutzlos, da nicht alle Waagen funktionieren. So bricht irgendwann die Anarchie aus und jeder der Zeit hat stellt sein Boot mit gelegtem Mast in die Schlange. Sie wächst und wächst, bis über die Zufahrt hinweg und bringt die Organisatoren nach und nach zur Weißglut, weil irgendwann überall Boote mit gelegtem Mast herumliegen und selbst den Straßenverkehr blockieren. Die Segler lassen sich von dem Chaos nur mäßig beeindrucken, zumal die Vermesser zwischendurch auch 1,5 h Mittagspause beanspruchen und polieren und putzen was das Zeug hält. Die Luft ist geschwängert von Silikon- und Teflonaerosolen. Schon irre, was man alles auf sein Boot pampen kann.


Qualifikation
Der Montag und Dienstag sind für's Qualifying eingeteilt. Das Feld aus 160 Booten wird in vier Gruppen geteilt (gelb, weiss, rosa, violett) und in sechs Rennen segelt jede Gruppe zweimal gegen jede andere. Der Kurs besteht dabei aus einer Kombination aus zwei parallel ausgelegten Bahnen (Luvtonne & Gate). Segelt man im ersten Start den "Outer Loop", geht es nach der Luvtonne rüber zur Luvtonne des anderen Kurses, auf dem man dann den ersten Spigang und den Rest der zweiten Runde bis ins Ziel segelt. Startet man als zweiter auf dem "Inner Loop" wechselt man erst nach der zweiten Kreuz rüber auf die andere Bahn. So reichen ein Start- und ein Zielschiff für einen eigentlich reibungslosen Ablauf.
Mangels funktionierendem Drucker wird jedes Boot mit seiner Gruppenfarbe aufgerufen, wonach man sich den entsprechenden Wimpel holt und ins Segel knotet. Bevor man auf's Wasser geht, muss man sich in einer Liste austragen (sonst riskiert man ein DSQ), doch die Druckerprobleme erstrecken sich auch auf diese Listen, weshalb sich das gesamte Feld spontan mit Edding auf einem Biertisch austrägt. Die Kreativität der Segler wird durch mangelhafte Regattaorganisation gefördert.
Im Gegensatz zu uns sind alle anderen Segler wirklich heiß und provozieren Fehlstart nach Fehlstart. Wir kommen uns vor wie beim Start-Training. Auch die berüchtigte Black Flag ändert nichts am Verhalten. Es gibt Rückruf nach Rückruf. Die betroffenen werden dabei erst ab dem zweiten Tag auf der Kreidetafel am Startschiff gelistet. Man hat die Tafel kurzerhand halbiert. Links stehen Kurs und Entfernung zur Luvtonne, rechts in winziger Schrift die Segelnummern der erfaßten Frühstarter. Am Startschiff wechseln sich die Trillerpfeife und die Hupe ab, kein Wunder, dass es ewig dauert, bis die meisten Leute kapieren, wann es zu einem Rückruf kommt.
Uns wird schnell klar, dass wir hier keine Chance haben. Freier Wind ist bei diesen Bedingungen (2-3) das A und O und da uns unser Boot (vor allem die Ruderanlage) für die agressive Starterei zu schade ist, hängen wir danach mitten in den Abwinden und müssen uns irgendwie unseren Weg suchen. Der schwache Wind, kombiniert mit der Restwelle tut sein weiteres, damit komme ich einfach nicht klar, doch die Stimmung an Bord bleibt dank Christian fröhlich und unbeschwert und wir lernen mit jedem Lauf dazu. Auch hier hinten wird gekämpft. Als der Wind nachmittags auf knappe 4 Bft anzieht kommt Freude auf. Endlich Doppeltrapez, da sagt meines *plopp* und ich liege im Bach. Es ist glatt durchgerissen und mit der Schot in der Hand überlege ich noch, ob ich mich festhalten oder loslassen soll, da dreht das Boot in den Wind und ich kann wieder aufsteigen. Glück gehabt.
Die Folgen des stärkeren Windes sind abends am Strand zu bewundern: Der ein oder andere Wildcat-Segler trägt die Reste eines geknackten Schwerts mit sich herum. Angeblich waren es heute 14 Stück. Bei den Seglern anderer Bootstypen führt dies zu einem schadenfrohen Grinsen, doch eigentlich ist es ein trauriges Zeugnis für einen schlechten Entwurf.
Der zweite Tag des Qualifying bringt leider wieder wenig Wind, der auf maximal knappe 3 Bft anzieht. Jeder Lauf beginnt mit mehreren Startübungen, kombiniert mit den wechselnden akustischen Signalen aus Trillerpfeife und Horn. Nach den gestrigen drei Läufen liegen wir 17 Plätze vor dem Ende, also alles entspannt. Der Wechsel zur zweiten Bahn geht heute unter Spi im Doppeltrapez. Dabei drückt sich das Feld immer weiter nach Luv und wehe man begeht den Fehler und segelt den direkten Kurs. Dann endet man im Lee und ein Boot nach dem anderen zieht in Luv vorbei. Seltsamerweise wiederholen wir diesen Fehler wieder und wieder.

Rennen
Es war klar, ganz Flensburg landet in der Silber-Flotte. Ab heute segeln alle Mehlaugen unter sich, was es für uns abwechslungsreicher und interessanter macht. Statistisch segeln jetzt doppelt soviele Boote um uns herum wie vorher. Mangels Wind schickt man uns erst um 15:00 auf's Wasser, Christian hat also massig Zeit um als frischgebackener, dreißigjähriger Single die Rampe zu fegen. An der Startlinie ist mal das Schiff und mal die "Tonne" (auch ein Schiff) extrem bevorteilt und hin und wieder treiben große Tangfelder durch. Wenn man dort hinein gerät, legt man eine Vollbremsung hin.

Heimfahrt
Als sich Samstag abzeichnet, dass das mit dem Wind nichts mehr wird, bauen auch wir Nachzügler ab. Es ist fast gespenstisch, wie leergefegt der Strand nach den vergangenen Tagen ist. Lediglich die Hobie-Müllberge und die Zelte erinnern noch an die WM. Neben uns riggen auch die Argentinier ihre Boote ab und verstauen sie in einem Container. Sie haben scheinbar die gesamte Sieger-Flotte aufgekauft, doch Details erfahren wir nicht, sie sind so verschlossen und cool wie die meisten hier. Zur WM fährt man scheinbar zum Siegen, nicht um Spaß zu haben. Wie war sind da Christians Worte: "Wir haben am Ende eine geile WM gehabt, während sich die anderen über ihre Platzierung ärgern." Ein klarer Vorteil für diejenigen, die aus olympischen Gedanken an solch einem Event teilnehmen.
Am frühen Nachmittag machen Martin, Steffi, Friederike und ich uns auf den Weg. Axel haben wir in Lamballe abgesetzt, er wird Sonntag fliegen. Heute ist er völlig angeschlagen und auch Steffi klagt über Gegrummel im Unterleib. Die Lager-Pest breitet sich scheinbar aus.
Wir fahren in einem durch und es ist eine weitgehend ereignislose Fahrt. In Holland fahren wir nachts von hinten in eine gigantische Gewitterfront. Blitze zum Abwinken und die Wolkenbrüche bremsen uns teilweise auf 50 km/h herunter. Das ist gut zum Entsalzen unserer Boote und nach 2 h sind wir durch und ist der Spuk vorbei.
Sonntag gegen 7:00 kommen wir verkatert an und der WM Ausflug ist zu ende. Uns bleibt die Erkenntnis, dass man auch als Mehlauge an einer WM mit Spaß teilnehmen kann, solange man die Freude am Segeln in den Vordergrund stellt. Organisatorisch war diese WM sicherlich ein Tiefpunkt, doch wenn die Rennen einmal liefen haben wir viel gelernt und zu sehen gab es auch immer reichlich. Wiederholung nicht ausgeschlossen.
